Juwelen der neuen Welt

Juvelen

 

Balanchine/Forsythe/Tharp

Zum „amerikanischen" Abend des Wiener Staatsballetts
Nach Amerika zu blicken, sich von der Kunstwelt Amerikas inspirieren zu lassen, heißt auch, die dort entwickelten neuen Wege mitgehen zu wollen, wobei in Zusammenhang mit dem Bühnentanz sich die Frage erhebt, welche der künstlerischen Wege eigentlich von Europa ausgegangen waren und welche genuin amerikanischen Ursprungs sind.

 

 

 

Es ist nicht weiter verwunderlich, dass der Pariser Manuel Legris für seine „Einstandspremiere" als Direktor des Wiener Staatsballett aus den zur Verfügung stehenden amerikanischen Juwelen des Bühnentanzes fast ausschließlich jene wählte, die ihren Ursprung tief in Europa haben. Dies gilt sowohl für den Choreographen George Balanchine als auch für die Komponisten Peter Iljitsch Tschaikowski, Johannes Brahms (der sich Joseph Haydn zuwandte), Franz Schubert und Igor Strawinski.

juwelenDas Werk des gebürtigen Russen George Balanchine basiert – obwohl sich seine Sprache seit seiner Übersiedlung in die USA in den dreißiger Jahren erheblich verändert hat – auf der St. Peterburger Klassik, also dem späten 19. Jahrhundert. William Forsythe, in New York geboren und dort ausgebildet, baut wiederum klar auf jener Sprache, die Balanchine in Amerika entwickelt hat. Ganz anders verhält es sich mit Twyla Tharp. Zunächst Protagonistin der amerikanischen Tanz-Avantgarde, wandte sie sich erst im Laufe ihrer bedeutenden Karriere auch dem Ballett zu, wobei es ihr dabei gelang, Balanchines Weg einer Amerikanisierung einer ursprünglich europäischen Kunst weiter zu treiben.

Verbindend zwischen den Choreographen und ihren Werken stehen die Komponisten, wobei die beiden Russen, Tschaikowski und Strawinski, gleichsam eine Familie der Ballettkomponisten bilden, zudem vollzog Strawinski jenen Schritt nach dem Westen, den Tschaikowski nur angestrebt hatte, und ließ sich tatsächlich zunächst in Westeuropa, dann in Amerika nieder. Anders verhält es sich mit den Mitteleuropäern Haydn, Schubert und Brahms. Alle drei hätte es wohl verwundert, welche körperliche Gestalt der tänzerische Puls ihrer Musik annehmen kann.

So wie die vom Wiener Staatsballett getanzten Choreographen in der einen oder anderen Weise miteinander verbunden sind, sind es auch die gegebenen Werke: George Balanchines Choreographie zu Thema und Variationen, die das Programm eröffnet, kann als ästhetische Basis gesehen werden, an deren Vokabular und choreographischer Verfahrensweise sowohl Twyla Tharp mit Variationen über ein Thema von Haydn als auch William Forsythe mit The Vertiginous Thrill of Exactitude anschließen. In Rubies wiederum knüpft Balanchine an jene eigene Sprache an, die er in seiner lebenslangen Auseinandersetzung mit Strawinski entwickelt hat. Können die ersten drei Ballette des Abends inhaltlich gesehen unter dem Titel „Variationen über das Thema Neoklassizismus" firmieren – das Tharp-Ballett wurde sogar als ein „Edelstein" dieser stilistischen Richtung bezeichnet -, so kann Rubbies, ursprünglich das Mittelstück des Balanchine-Balletts Jewels, als die Verkörperung der Stadt New York, genauer als „sophisticated Brodway" in einem Dreistädte-Panorama gesehen werden (der erste Teil von Balanchines abendfüllender Edelstein-Trilogie, Emeralds, steht für Paris und die Balletromantik, der dritte Teil, Diamonds, für St. Petersburg und die Petipa-Klassik).

Der Abend Juwelen der Neuen Welt stellt also nicht nur amerikanische Meisterwerke vor, sondern kann auch als transatlantischer Dialog zwischen der „alten" und „neuen" Welt gesehen werden.

Nach dem Programm des Abend „Juwelen der Neuen Welt" des Wiener Staatsballett, 2010 J.

 

 

 

 

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